Für die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit neurologischen Blasenfunktionsstörungen, also Personen, welche infolge einer neurologischen Erkrankung Urin verlieren und/oder nicht den ganzen Urin entleeren können, eignen sich verschiedene Ansätze: Nebst der Verabreichung von Medikamenten gibt es Therapien mit Strom, es wird Botox in den Blasenmuskel gespritzt und/oder ein Katheter eingeführt. Wenn all diese Methoden jedoch nicht zum gewünschten Erfolg führen, besteht die Möglichkeit, operativ eine neue Blase mit Dünndarm zu formen und diese innerhalb des Körpers am Bauchnabel anzuschliessen.

Die natürliche Blase wird entfernt und durch diese neue Blase, die sogenannte Pouch-Blase oder Nabel-Pouch (Darmbeutel-Reservoir), ersetzt. Sie wird mit dem Bauchnabel verbunden und muss mehrmals täglich mit dem Katheter entleert werden. Die Pouch-Blase eignet sich nur für Patientinnen und Patienten, die in der Lage und gewillt sind, sich, regelmässig selber zu katheterisieren.

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Neue Blase aus Dünndarm ist für gewissenhafte Personen geeignet

Kurz nach der Operation kann es vorkommen, dass ein wenig Urin aus dem Nabel drückt, meistens sind die Betroffenen jedoch nach ein paar Wochen vollständig trocken. Anfangs muss die Blase alle zwei Stunden entleert werden. Um die Zeitspanne zu erhöhen, wird die neue Blase bewusst konstant etwas ausgeweitet und zwar mit aktiver Unterstützung der Patientinnen und Patienten. Das Fassungsvermögen der Pouch-Blase erreicht nach ein paar Monaten rund drei bis fünf Deziliter, was jenem einer natürlichen Blase entspricht.

Eine zusätzliche Herausforderung liegt in der Beschaffenheit der Pouch-Blase, welche aus Dünndarm geformt wird. Da der Darm Abbauprodukte aus dem Urin aufnimmt, kommt es zu Stoffwechselverschiebungen, welche korrigiert werden müssen. Das Blut wird durch den Urin übersäuert und muss mit einem Medikament basisch gemacht werden. Nach etwa einem Jahr kann es reduziert oder ganz abgesetzt werden. Die Patientinnen und Patienten müssen ihre Pouch-Blase regelmässig kontrollieren lassen – am Anfang wöchentlich, dann nach drei Monaten und schliesslich jährlich. Aus genannten Gründen ist der Eingriff vor allem für gewissenhafte Personen geeignet.

Ästhetisches Erscheinungsbild und mehr Selbstbewusstsein

Die Operation gibt es bereits seit den Achtzigerjahren und wir führen diesen Eingriff zusammen mit den Kollegen des Universitätsspitals Zürich in ihren Räumlichkeiten durch. Die Rehabilitation nach dem Eingriff sowie die im Verlauf nötigen urologische Kontrollen finden bei uns im Zentrum für Paraplegie der Universitätsklinik Balgrist statt.

Der Eingriff wird nur durchgeführt, wenn mit weniger aufwändigen Therapien keine Erfolge erzielt werden konnten und Patientinnen und Patienten nicht mit einem Urinbeutel oder Windeleinlagen leben möchten. Für gewisse Personen ist das Katheterisieren der Harnröhre zudem schwierig und es geht für sie einfacher am höher gelegenen Bauchnabel.

Bei diesem Eingriff steht die Steigerung der Lebensqualität im Zentrum: Die Patientinnen und Patienten müssen keinen unschönen Urinbeutel mehr herumtragen, sich nicht um unangenehme Gerüche sorgen und verfügen lediglich über eine Narbe am Körper. Dies verändert das ästhetische Körperbild enorm, kann das Selbstbewusstsein steigern und sich somit auch auf die Sexualität positiv auswirken. Es geht zwar bei den Betroffenen nicht um Leben und Tod, jedoch werden Blasenfunktionsstörungen häufig tabuisiert. Viele Personen fühlen sich in ihrem Sozialleben stark eingeschränkt und ziehen sich zurück. Eine neue Blase mit Dünndarm kann auch in aussichtslosesten urologischen Situationen oft zu einem Leben mit weniger Einschränkungen verhelfen.