Ein- und Ausatmen, Sprechen, Essen, Trinken oder Schlucken: All dies sind Vorgänge, die wir täglich unzählige Male durchführen. Abläufe, über die wir uns keine Gedanken machen, da sie für uns so einfach und selbstverständlich sind. Dahinter stecken jedoch hochkomplexe Prozesse, die vielfältig miteinander verschaltet und koordiniert sind.

Schlucken – ein hochkomplexer Prozess

Beim Schluckvorgang arbeiten 26 Muskelpaare, unzählige Hirnnerven und ganze Hirnareale zusammen. Daneben sind diese Vorgänge über Reflexe miteinander verbunden. Das Schluckzentrum liegt im Hirnstamm und durch den Schluckreflex wird die Koordination und der Ablauf des Schluckens in Gang gesetzt.

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Den Schluckvorgang unterteilen wir in mehrere Phasen. Die ersten Phasen sind willkürlich: Sobald die Nahrung den hinteren oberen Gaumen passiert, wird der Schluckreflex ausgelöst und läuft automatisch ab. Ab diesem Zeitpunkt können wir das Schlucken nicht mehr beeinflussen – probieren Sie es selbst aus.

Pro Tag schlucken wir etwa 1’500 Mal. Wenn wir wach sind und nicht essen, schlucken wir etwa einmal pro Minute. Täglich produzieren wir rund 1,5 Liter Speichel, wobei sich diese Menge auf ca. 0,5 Liter reduziert, wenn wir fasten. Der Kehlkopf hebt sich beim Schluckvorgang etwa 1,5 bis 2 Zentimeter und die Passage vom Eintritt der Nahrung in die Speiseröhre bis in den Magen dauert etwa 8 bis 20 Sekunden. All diese imposanten Fakten rund ums Schlucken beweisen, wie intuitiv wir diesen Prozess rund um die Uhr durchführen.

Hallenbad-Unfall mit verheerenden Folgen

Eine Schluckstörung kann viele verschiedene Ursachen haben und gehört bei diversen Erkrankungen zum Erscheinungsbild. Einen Teilbereich meiner Arbeit als FOTT-Therapeut (Fazio-Orale-Trakt-Therapie) möchte ich anhand der Geschichte eines Patienten erläutern. Er war mit seinem Sohn im Hallenbad und sprang von einem Sprungblock kopfüber ins Wasser. Das Schwimmbecken hatte an dieser Stelle jedoch eine ungenügende Tiefe, so dass er mit dem Kopf auf den harten Boden aufprallte. Durch den Zusammenstoss brach sich der Mann den vierten Halswirbel und sein Rückenmark wurde zusammengequetscht. Durch den Aufprall wurde die «Stromversorgung» unterhalb der Verletzungsstelle getrennt. Seine Arme und Beine waren gelähmt und er trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Glücklicherweise bemerkte sein Sohn den Unfall sofort und die Bergung wurde eingeleitet.

Der Patient wurde mit der Rettung ins Unispital Zürich gebracht. Die Fraktur an seiner Wirbelsäule wurde am gleichen Tag operativ versorgt und stabilisiert. Die Verletzung an der Wirbelsäule war so hoch, dass auch die Atmung nicht mehr funktionierte. In der operativen Erstversorgung wurde deshalb auch eine sogenannte «Trachealkanüle» – ein Plastikröhrchen, welches in der Luftröhre platziert wird, eingesetzt. Über dieses System konnte er an eine Beatmungsmaschine angeschlossen und künstlich beatmet werden. Die primäre Gefahr eines Erstickungstodes wurde dadurch gebannt.

Atmen, Schlucken, Essen – alles nur mit fremder Hilfe

Einige Tage später wurde der Patient zur Rehabilitation in unser Zentrum verlegt. Nun begann meine Arbeit. Durch die Beatmungspflicht war ich mit mehreren Herausforderungen konfrontiert: Er konnte nicht sprechen, keinen Speichel schlucken, die Sensibilität in der Mundhöhle war vermindert und sein Geschmacks- und Geruchssinn funktioniert nicht mehr. Zudem musste er über eine Magensonde ernährt werden. Nach der Begrüssung und Vorstellung vereinbarten wir Kommunikationszeichen. Bei einfachen Sachverhalten konnte ich seine Lippen lesen, für komplexere Sachverhalte half eine Kommunikationstafel. Sein Gesicht, die Zunge und die Mundhöhle waren glücklicherweise nicht von Lähmungserscheinungen betroffen.

bild2Rote Pfeile: die Maschine bläst Luft in die Lunge Blaue Pfeile: Ausatmung passiv

In einem ersten Schritt ging es darum, die Sensorik in seinem Mund zu verbessern, die Zungenmotorik zu erhalten und das Schlucken wieder anzubahnen. Nach einiger Zeit bestand das Ziel darin, mit der Beatmungsmaschine umzugehen. Der Patient konnte mit meiner Unterstützung Atemzüge verändern oder auch die Luft für eine Weile anhalten. Dann kam der grosse Moment: Die Kanüle durfte «entblockt» werden. Damit war es möglich, dass Luft nach oben über die oberen Atemwege und an den Stimmlippen vorbei strömte. Mit etwas Übung waren die ersten Laute und Wörter möglich. Dies war nicht nur für den Patienten, sondern auch für mich als Therapeuten ein bewegender Moment.

Die zurückgekehrte Freude am Essen

Nach ein paar Wochen wurden die Zeitabschnitte ohne die Beatmungsmaschine verlängert. In der Therapie gab es sogenannte «gustatorische» Reize in Form von Apfelmus oder Sorbet, die er löffelweise zu sich nahm. Nach drei Monaten war es dann endlich soweit: Die Atemmuskulatur war wieder kräftig genug, so dass der Patient die Beatmungsmaschine auch in der Nacht nicht mehr benötigte. Die Trachealkanüle konnte entfernt werden. Der nächste Schritt war die langsame Umstellung von der Ernährung über die Magensonde bis hin zur oralen Nahrungsaufnahme. Die Nahrungskonsistenz wurde laufend verändert – anfangs nahm er breiige, dann weiche und schlussendlich feste Lebensmittel zu sich. Auch die Nahrungsmenge wurde stets vergrössert und nach weiteren vier Wochen war der Patient in der Lage, die gesamte Ernährung über den Mund zu sich zu nehmen.

Heute ist der Patient mit einem Elektrorollstuhl mobil, wobei er die Steuerung mit seinem Kinn bewältigt. Von der Trachealkanüle ist nur noch eine kleine Narbe im Hals zu sehen. Er verspürt wieder Freude am Essen, was für ihn als Geniesser, der sich auch an einem guten Tropfen erfreut, besonders wichtig ist.

Für die beste Betreuung unserer Patienten, insbesondere der beatmeten Personen, braucht es stets ein interdisziplinäres Team. Wir treffen uns jeweils einmal in der Woche im sogenannten FOTT-Rapport, bei dem behandelnde Ärzte, Pfleger, FOTT-Therapeuten und Ernährungsberater teilnehmen und besprechen die Therapie der aktuellen Patienten. Ich schätze es sehr, dass wir im Zentrum für Paraplegie Balgrist mit einem erfahrenen Team arbeiten und so die Betroffenen optimal behandeln können.